(Foto: Mira Pusch)

Journalen oder auch das intuitive Schreiben ist eine wunderbare Methode im Mentoring. Du kannst so zu deinem eigenen Mentor werden, indem du den fragenden Mentoring-Stil aus der Wildnispädagogik bei dir selbst anwendest – darüber habe ich in meinem letzten Blogbeitrag geschrieben. Noch intensiver ist das Journalen aber in der Beziehung zu einer anderen Person. Das heißt, dass du regelmäßig deine Journal-Einträge mit einer dir vertrauten oder ausgewählten Person teilst – ich nenne das Journal-Mentoring.

In diesem Blogbeitrag erfährst du:

  • Wie du Journalen im Mentoring verwenden kannst
  • Wie du selbst ein Journal-Mentoring startest, was du dafür brauchst und worauf du achten solltest
  • Und was meine persönlichen Erkenntnisse aus fast fünf Monaten Journal-Mentoring sind

Journalen als Mentoring für dich selbst

Um dich in eine Art Mentoring mit dir selbst zu begeben, fängst du an, dir richtig gute Fragen zu stellen und diese anschließend auch zu beantworten. Mit richtig guten Fragen meine ich solche Fragen, deren Antwort dich wirklich weiterbringen. Hier eine kurze Anleitung, wie das funktioniert:

  1. Überleg dir, auf welche Fragen du gerne eine Antwort hättest oder dringend eine brauchst.
  2. Schreib dir die erste Frage auf, die dir in den Sinn kommt.
  3. Prüfe noch einmal, ob diese Frage wirklich so gestellt ist, dass eine Antwort darauf dich weiterbringt. Falls nötig, korrigiere sie so oft, bis du zufrieden bist.
  4. Lies dir die endgültige Version deiner Frage noch dreimal ganz bewusst durch.
  5. Lege die Frage weg. Du darfst sie sogar vergessen. Schlaf eine Nacht über diese Frage.
  6. Direkt nach dem Aufwachen am nächsten Morgen, nimm deine Frage wieder zur Hand, lies sie dir aufmerksam durch und beantworte sie aus dem Bauch heraus.
    Wichtig: Einfach alles aufschreiben, was kommt, auch wenn es im ersten Moment möglicherweise gar nichts mit der Frage oder der Antwort, die du erwartest, zu tun hat. Schreib auf, was dir in den Sinn kommt. Ich weiß, manchmal erwarten wir bereits eine Antwort, erlaube, dass es auch eine andere sein darf und deine intuitive Antwort sich frei entfalten kann.
  7. Falls du mit deiner Antwort nicht zufrieden bist, hast du zwei Möglichkeiten:
    1. Lege deine Frage und die Antwort für ein paar Tage beiseite. Lass alles ruhen und wenn etwas Zeit vergangen ist, lies dir nochmal alles durch. Macht es jetzt mehr Sinn? Kannst du etwas erkennen?
    2. Du schreibst die Frage erneut auf – evtl. auch abgewandelt, so dass ihre Antwort hilfreicher ist für dich – und machst den ganzen Prozess ein weiteres Mal. Du kannst das ganze solange wiederholen, bis du die Antwort hast, die du brauchst.
Meine Erfahrungen zum Journal als Mentoring für dich selbst

Ich habe selbst auf diesem Weg schon häufig Antworten gefunden. Meine Erfahrung zeigt, dass es manchmal sogar reicht die Frage nur aufzuschreiben und schon kommt die Antwort. Vieles hängt dabei von der Frage ab und wie gut sie gewählt ist. Also sei ruhig ehrlich und genau mit dem, was du dich fragst. Manche Fragen ruhen bei mir allerdings auch ein paar Tage oder Wochen. Manchmal stoße ich nur durch Zufall wieder drauf. Häufig genau dann, wenn ich eine Antwort darauf habe.

Es gibt aber auch Fragen, die lange unbeantwortet bleiben, die ich immer wieder lese und einfach nicht weiß, was die Antwort sein könnte. Fragen, die ich auch aus dem Bauch raus nie vollends zufriedenstellend beantworte. Aber auch das ist okay. Denn ich habe das Gefühl, dass auch diese Fragen mich immer wieder weiterbringen, wie eine Art Inspiration, eine Erinnerung, ein kurzes Wachrütteln, wenn ich sie lese. Inzwischen glaube ich, dass nicht jede Frage eine Antwort braucht.

Journalen zu zweit: Journal-Mentoring

Für viele, die das Journalen für sich alleine kennen, ist das Journalen zu zweit eine völlig neue Herangehensweise an das Journalen. Tatsächlich ist es auch etwas vollkommen Neues und ganz anders, als für sich alleine zu schreiben. Ich möchte hier nicht das eine mit dem anderen vergleichen, beides hat seine Vorteile und jede Form bringt ihre eigene Besonderheit mit. Ich mache beides und ich liebe beides!

Das Journalen zu zweit setzt voraus, dass du bereit bist, deine Journal-Einträge mit einer anderen Person zu teilen. Natürlich ist es aber auch so, dass du das im Vorfeld weißt und dementsprechend auch „für den anderen“ schreibst. Dinge, die du nicht teilen möchtest, musst du auch nicht erwähnen.

Das Grundprinzip des Journal-Mentorings

Das Grundprinzip des Journal-Mentorings ist simpel: Ihr vereinbart fixe Termine, zu denen ihr eure geschriebene Texte mit dem anderen teilt. Das könnt ihr per Brief, per Email, per Whatsapp oder sonst wie machen. Anschließend hat jeder von euch Zeit, sich mit dem Text des anderen zu beschäftigen. Jeder kann sich Gedanken machen, Fragen notieren, eigene Erfahrungen oder Wissen zu den Themen des anderen sammeln und aufschreiben. Aus diesen Bestandteilen schreibt jeder von euch ein Feedback für den anderen. Auch dieses Feedback wird zu einem festen Zeitpunkt getauscht. Anschließend beginnt der Kreis von vorne. Jeder schreibt wieder an seiner eigenen Geschichte weiter. Dabei kannst du natürlich auf das Feedback des anderen eingehen, musst du aber nicht.

Wie du ein Journal-Mentoring umsetzt?

Weil ich selbst so begeistert bin von dieser Art des Mentorings, hab ich es in den letzten Monaten immer wieder Freunden und Bekannten weiterempfohlen. Falls auch du vor hast diese wundervolle Erfahrung für dich selbst zu machen, beschreibe ich dir hier, wie wir uns vorbereitet haben, bevor wir gestartet sind. Zusätzlich gibt es noch eine Liste mit Dingen, die sich über die Zeit als wichtig herausgestellt haben.

Umsetzung Journal-Mentoring:
  1. Such dir eine/n Partner/in.

    Für das Mentoring brauchst du eine zweite Person. Du solltest dieser Person vertrauen oder ein tieferes Vertrauen zu ihr aufbauen wollen. Ich habe meine Mentoring-Partner damals ausgesucht, weil sie auch sehr kritisch ist und vieles hinterfragt. Kurz davor hatte ich gelesen, das man eine Art „critical friend“ im Leben braucht, um weiterzukommen. Das ist sie definitiv. Aber sie ist eben auch eine Person, der ich vertraue, sie ist unfassbar zuverlässig, ehrlich und offen. Alles Eigenschaften, die meiner Erfahrung nach eine gute Partnerin im Journal-Mentoring ausmachen.

    Alle weiteren Schritte der Umsetzung geht ihr ab jetzt zusammen.

  2. Setzt Termine fest, an denen ihr eure Texte teilt.

    Ihr müsst fixe Termine festlegen, an denen ihr eure Texte und eure Feedbacks miteinander teilt. Schaut, welcher Rhythmus für euch Sinn macht. Was könnt ihr schaffen? Bedankt, dass ernsthaftes Schreiben und gutes Feedback Zeit brauchen. Ihr müsst euch dafür regelmäßig Zeiten einplanen, setzt die Termine deshalb nicht zu eng.

    Wir teilen unsere Texte immer sonntags und die Feedbacks am Mittwoch. Das hat sich für uns als sinnvoll und stimmig herausgestellt.

  3. Stellt Regeln auf für euer Mentoring.

    Vor dem Start lohnt es sich ein paar Dinge abzuklären:
    – Welche Medien nutzt ihr zum Teilen der Texte?
    – Was ist euch besonders wichtig?
    – Was sind absolute Tabus für euch? Gibt es das?

    Wir nutzen für unser Mentoring klassisch die E-Mail. Das funktioniert sehr gut. Da unsere Texte häufig aus Fragmenten unterschiedlicher Wochentage entstehen, hat es sich eingebürgert, dass wir meist zu Beginn direkt schreiben: „Es ist Mittwoch ..“, damit der andere die Entwicklung der Woche nachvollziehen kann. Auch wenn wir nur an einem einzigen Tag der Woche schreiben, ist es schön für den anderen zu wissen, wann das war.

    Für uns ist besonders wichtig, dass man alles offen und ehrlich sagen kann und dass man auch kritisch hinterfragen darf. Aus dieser Grundintension ist die Idee für das Mentoring entstanden und sie ist nach wie vor wichtig für uns.

  4. Wie geht ihr mit Ausnahmen um?

    Überlegt euch auch, wie ihr mit Ausnahme-Zuständen, z. B. Weihnachten, Urlaub usw. umgehen wollt. Ihr könnt in der Zeit einfach weiter machen, aber vielleicht ist das auch nicht immer möglich, weil ihr zum Beispiel keinen Laptop zur Verfügung habt? Überlegt gemeinsam welche „Hindernisse“ eure Routine stören könnten und wie ihr im Zweifel damit umgehen wollt.

    Wir zum Beispiel haben uns über Weihnachten persönlich gesehen und uns ausgetauscht, so dass es in dieser Woche nicht sehr viel zu schreiben gab. Wir haben das quasi mündlich gemacht und die Woche im Mentoring ausfallen lassen.

Was ist wichtig im Journal-Mentoring?
Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit

Ganz wichtig sind Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit. Haltet euch an eure Abmachungen. Falls ihr Termine absolut nicht einhalten könnt oder Notfälle dazwischen kommen, sagt dem anderen Bescheid.

Vertrauen

Vertrauen entsteht nur, wenn beide einen vertrauensvollen Umgang miteinander pflegen. Sprecht offen darüber, was euch wichtig ist!

Ehrlichkeit

Ehrlichkeit heißt nicht, dass ihr alles teilen müsst! Überhaupt nicht! Aber das, was ihr teilt, muss ehrlich sein! Im Feedback und auch in den Texten.

Offenheit

Es ist wichtig, mit einer gewissen Offenheit gegenüber den Texten des anderen in die Sache reinzugehen. Du musst nicht alles annehmen, aber sei offen für neue Denkansätze und Überlegungen.

Gute Feedback-Kultur

Es ist hilfreich, sich die Regeln einer guten Feedback-Kultur zu Herzen zu nehmen. Schreibt aus eurer Perspektive und lasst andere Meinungen zu, versucht so wenig wie möglich zu werten und beschreibt lieber, was das in euch auslöst.

Bereitschaft Wissen zu teilen

Wenn wir bereit sind unsere eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse offen und beherzt zu teilen, ohne uns dafür zu schämen oder falsch zu fühlen, kann etwas ganz wundervolles entstehen – tiefes Vertrauen in der Beziehung zum anderen!

Wachsame Beobachtung

Für ein Mentoring ist es wichtig eine wachsame Beobachter-Rolle einzunehmen. Es muss nicht alles kommentiert, nicht alles zerpflückt werden. Und wenn du Texte des anderen liest, lass dich voll und ganz drauf ein. Spüre rein! Sei ganz da!

Langfristig

Plant euer Mentoring langfristig. Eine solche Beziehung kann sich erst mit der Zeit so richtig entwickeln. Gebt euch diese Zeit und lasst euch überraschen, was sie bringt!

Meine eigenen Erfahrungen aus dem Journal-Mentoring

Vor fast fünf Monaten habe ich selbst das Experiment Journal-Mentoring mit einer Freundin gestartet. Jeden Sonntagabend teilen wir unsere intuitiv geschriebene Texte miteinander. Das können Texte von jedem Tag der Woche, ausschließlich vom Sonntag oder von einzelnen Tagen sein. Völlig egal. Die Länge unserer Nachrichten hat sich im Vergleich zum Beginn mehr als verdoppelt. Die Texte erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Chronologie. Sie sind einfach das, was uns gerade am meisten bewegt, beschäftigt oder Gedanken bereitet.

Erkenntnisse beim Schreiben

Viele Erkenntnisse kommen bereits beim Schreiben selbst. Das lässt jetzt vermuten, dass man seine Texte gar nicht teilen muss, um diesen Effekt zu haben. Aber das stimmt nicht ganz. Es gibt sicher auch die Momente, in denen ich alleine für mich schreibe und zu tollen Erkenntnissen komme. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied im Journal-Mentoring mit einer anderen Person: Ich muss viel mehr erklären und ausführlicher berichten, als wenn ich alleine für mich schreibe. Ich möchte ja, dass die andere Person mich versteht, oder zumindest nachvollziehen kann, was passiert ist. Dazu muss ich sehr viel ausführlicher schreiben als beim Journalen für mich alleine. Diese Ausführlichkeit, das genaue Hinschauen und Erklären bringen einen so oft selbst bereits zu ersten Erkenntnissen, Ideen und Antworten auf die eigenen Fragen.

Erkenntnisse durch Feedback

Mindestens genau so viele Erkenntnisse wie beim Schreiben selbst, habe ich in der Regel beim Lesen des Feedbacks. Nicht weil meine Mentoring-Partnerin mir schreibt, was ich tun und lassen soll oder was das beste in meiner Situation ist, sondern häufig weil sie Fragen stellt und die Dinge hinterfragt, die ich als gegeben hinnehme. Viele neue Gedanken und Ideen entstehen tatsächlich auch, weil sie ihre Perspektive auf die Dinge mit mir teilt – ohne Wertung, einfach nur, was sie von sich aus sehen kann. Genauso hilfreich ist oft das Teilen ihrer Erfahrungen mit mir. Sie hatte diese Situation möglicherweise schon einmal und kann mir sagen, wie sie damit umgegangen ist und mich zu drängen, es genau so zu tun.

Schreiben gibt uns Zeit

Das schöne an einem schriftlichen Mentoring ist, dass man Zeit hat. Zeit im Sinne von, dass ich schreiben kann, wann und wie ich möchte. Ich muss nicht erst einen Termin mit meiner Mentoring-Partnerin ausmachen, an dem wir beiden können. Ich kann nachts um Zwölf schreiben, wenn mir gerade danach ist, auch wenn sie bereits tief und fest schläft.

Das Schreiben gibt uns auch die Zeit ein wirklich gutes Feedback zu geben. Wir können uns ein paar Tage nehmen, die Worte des anderen sacken lassen, evtl. nochmal lesen und dann in einem ruhigen Moment darauf eingehen. Wir sind nicht – wie es im Gespräch vielleicht der Fall ist – gezwungen direkt auf die Themen des anderen einzugehen. Hier liegt in meinen Augen einer der größten Vorteile von schriftlicher Kommunikation allgemein – die Zeit wirken zu lassen.

Neue Impulse, neue Ideen

Durch die Texte, die Geschichten und die Gedanken von ihr, völlig egal ob im Feedback oder den intuitiven Texten, kommen ständig neue Impulse, neue Ideen und Bilder zu mir. Es tut oft sehr gut die eigene Welt kurz zu verlassen und in ein anderes Leben, mit anderen Themen und Fragestellungen zu schlüpfen und zu sehen, was das mit einem macht. Manchmal ist es einfach nur eine kleine Auszeit aus dem eigenen Alltag, manchmal ist es die Türe in eine Welt, wo ich die Antwort finde, die ich bei mir gerade nicht finden kann.

Erkennen von Parallelen

Umso tiefer wir kommen und umso intensiver, ehrlicher und offener unser Austausch wird, um so mehr erkennen wir Parallelen zwischen unseren Leben. Auch wenn wir unterschiedliche Themen haben, stellen wir immer wieder fest, dass die Essenz des Problems oder der Thematik eine ganz ähnliche ist. Oft können wir alleine durch unsere eigene Geschichte und das Beschreiben unserer Themen dem anderen helfen. Ich lese ihre Texte und fange an die Welt aus anderen Augen zu sehen und das tut gut, denn es weitet meine eigenen Grenzen. Und auf einmal merken wir: Wir sind nicht alleine!

Spüren der Verbundenheit

Dieses Schwingen in gemeinsamen Hochs und Tief, das Verweben unserer Geschichten, unserer Ideen und Gedanken, das Präsent-Sein und die vielen Parallelen, die wir erkennen, schaffen ein wundervoll warmes Gefühl der Verbundenheit. Diese Verbundenheit kann man auch auf körperlicher Ebene spüren, indem sich zum Beispiel bei Frauen die Zyklen anpassen.

Unser Journal-Mentoring fühlt sich an, wie zwei Stränge, die sich nach und nach immer mehr miteinander verstricken. Ich hatte neulich das Bild eines DNA-Strangs im Kopf: Diese Doppelhelix, die über viele Basenpaare miteinander verbunden und gleichzeitig noch in sich verdreht ist. Ungefähr so fühlt es sich an. Als wären die beiden Stränge unsere Geschichten und die Doppelhelix unser Mentoring.

Mentee und Mentor sein

Wir haben nicht den Anspruch und nicht die Erwartung uns gegenseitig zu helfen. Niemand ist dem anderen Rat oder Hilfe pflichtig. Wir geben einfach das, was wir in diesem Moment zu geben haben und das ist meistens unsere eigene Geschichte, unsere Erfahrungen und die Erkenntnisse, die wir daraus gezogen haben. Wir sind ständig in der Position eines Lernenden, eines Anfängers und gleichzeitig ein Lehrer und einer der Antworten gibt. Nicht aber, weil ich ihr eine Antwort aufzwingen will, sondern alleine dadurch, dass ich meine Gedanken teile. Die Antwort selbst überlasse ich ihr. Für mich persönlich entsteht das Wunder gerade dabei, dass sich die Rolle des Mentees und des Mentors vermischen – immer wieder Anfänger und trotzdem so voller Weisheit!

 

 

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Lies hier, wenn dich interessiert, warum Mentoren so wertvolle Begleiter sind auf dem zu uns selbst.