(Foto: Mira Pusch)

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich das erste Mal ein Gruppenjournal gestartet. Ein Journal, dessen Inhalt ich nicht mehr alleine für mich schreibe, sondern mit anderen Menschen teile.  Gestartet bin ich damals mit sechs mutigen und offenen Frauen, die sich auf dieses Experiment eingelassen haben. Es war eine so wundervolle Erfahrung, das ich meine Erkenntnisse daraus und auch die Vorgehensweise dazu gerne mit dir teilen möchte.

Vielleicht hast du ja selbst Lust ein Gruppenjournal zu initiieren? Dann findest du hier neben meinen Erfahrungen und den Erfahrungen einer Teilnehmerin auch eine Anleitung, wie du ein Gruppenjournal umsetzen kannst.

Was ist ein Gruppenjournal

Ein Gruppenjournal ist zunächst ein Journal wie jedes andere. Mit dem großen Unterschied, dass du die Inhalte oder Texte, die beim Journalen entstehen, mit anderen Menschen teilst. Das heißt natürlich nicht, dass du deine Journal-Texte für Jedermann veröffentlichen musst. Das Ziel ist es in dieser Journal-Gruppe einen geschützten Rahmen für diese oft sehr persönlichen und intimen Texte zu schaffen. Die Größe der Gruppe kannst du frei wählen – wie es sich für dich gut anfühlt

Meine erstes Gruppenjournal habe ich damals mit sechs anderen Frauen gestartet. Es war mir damals ein Bedürfnis, dass es ausschließlich Frauen sind, auch wenn das Thema der Gruppe kein frauenspezifisches Thema war.

Das Thema des Gruppenjournal

Vielleicht schreibst du täglich deine Dankbarkeit, deine Erfolge und deine Erkenntnisse in dein Journal. Vielleicht aber schreibst du auch jeden Tag mal etwas anderes: am Montag deine Ziele, am Dienstag Dankbarkeit und am Sonntag die Erfolge der letzte Woche.  Das funktioniert meiner Erfahrung nach in einem Gruppenjournal weniger gut. Das Gruppenjournal sollte auf ein Thema festgelegt sein. Die Frage ist also: Was wollen wir teilen? Woran wollen wir gemeinsam wachsen?

Das Thema meiner ersten Journal-Gruppe war damals Dankbarkeit. Meiner Meinung nach ein wunderbares und sehr einfaches Thema, um mit dem gemeinsamen Journalen zu starten. Jede von uns sieben Frauen hat einmal täglich eine einzige Nachricht in der Gruppe geschickt, in der sie ihre Dankbarkeit den anderen mitgeteilt hat.

Der Rahmen für ein Gruppenjournal

Da zu einem gemeinsamen Journal eine ganze Gruppe gehört, braucht es einen Rahmen für das ganze. Das heißt nicht, dass tausend Regeln aufgestellt werden müssen. Gar nicht! Ein paar einfache Abmachungen genügen. Neben dem Thema, zu dem gejournalt wird, sollte die Häufigkeit und auch das Medium, über das geteilt wird, festgelegt werden.

In unserem Dankbarkeitsjournal haben wir jeden Tag unsere Dankbarkeit geteilt. In einem Zeitraum von drei Wochen. Dazu hatte jede drei Joker für Tage, an denen sie es nicht schafft. Ich glaube, niemand hat alle drei Joker gebraucht. Einige haben gar keinen genutzt. Als Medium haben wir eine Whatsapp-Gruppe genutzt. Dort durften auch Fotos von handgeschriebenen Journal-Einträgen geteilt werden, da einige bereits ein physischen Dankbarkeitsjournal hatten.

Warum ein Gruppenjournal so wertvoll ist

In meinen Augen kommt es bei einem Gruppenjournal zu einem wundervollen Einklang zwischen tiefer Verbundenheit und Wachstum. Wir fangen an, uns auf die Geschichten der anderen einzulassen, Parallelen zu erkennen und zu spüren, dass wir nicht alleine sind. Im gleichen Augenblick bieten uns die Gedanken, Worte und Gefühle der anderen Inspiration und Impulse, um auf dem eigenen Weg weiterzukommen. Wir lernen neue Perspektiven einzunehmen und den Fokus zu schärfen für das, was wir teilen wollen.

Ich habe immer wieder das Feedback bekommen, wie wundervoll es ist, Menschen auf der Basis von Dankbarkeit kennenzulernen. Die sechs Frauen meiner Gruppen kannten sich zu Beginn des Experiments nicht. Ich durfte selbst erfahren, wie viel tiefer eine Beziehung in kurzer Zeit werden kann, wenn wir uns wirklich öffnen und das teilen, was uns bewegt. Besonders das gemeinsame Teilen von Dankbarkeit kann unfassbar dazu anregen, immer wieder das Positive zu sehen, zu suchen und zu finden – egal wie schlimm die aktuelle Situation erscheinen mag.

Und selbst, wenn wir das ab und zu im Trubel des Alltags vergessen, werden wir durch dankbare Nachrichten der anderen immer wieder liebevoll daran erinnert, wie unendlich dankbar wir doch sein können für so vieles in unserem Leben!

Meine Erfahrungen zum Journalen in der Gruppe

Die Dankbarkeitsgruppe, die hier immer wieder als Beispiel dient, war nur das erste von vielen Gruppenjournal-Experimenten, aus denen ich inzwischen einige Erfahrungen und Erkenntnisse gewonnen habe. Hier meine Sammlung aus dem letzten Jahr:

Ehrlichkeit und Offenheit

Gleich zu Beginn des ersten Gruppenjournals zur Dankbarkeit kamen mir die Tränen als ich gelesen habe, wie offen und ehrlich diese wundervollen Frauen ihre Dankbarkeit teilen. Jeder Text war so authentisch und voller echtem Leben. Ich weiß nicht, ob es ein Vorteil war, das sie alle sich nicht kannten. Ich war auf jeden Fall absolut erstaunt und war es bei jedem anderen Gruppenjournal-Experiment wieder, wie ehrlich und offen wir sein dürfen und automatisch sind in einem solchen Rahmen.

Disziplin

Ich hör immer wieder: „Wie machst du das, dass so regelmäßig schreibst. Ich schaff das nicht.“ Und ich muss sagen, in allen Gruppenjournals hatte ich bis jetzt nie das Problem, dass jemand nicht „durchgehalten“ hätte. Alle haben geschrieben – regelmäßig und zuverlässig. Vielleicht weil uns diese Art von Gruppe auch einfach dazu motiviert es zu tun, uns erinnert und in gewisser Weise ja auch verpflichtet.

Freude

Egal zu welchem Thema es ist immer wieder schön täglich, wöchentlich oder auch monatlich Nachrichten von den anderen Gruppenmitgliedern zu bekommen. Besonders natürlich zu Themen wie Dankbarkeit oder Erfolg. Aber auch Erkenntnisse der anderen oder das Teilen der intuitiven Texte ist meistens absolut inspirierend und eine schöne Pause vom Alltag.

Starke Verbundenheit

Nach meiner Erfahrung bauen besonders langfristige Gruppen eine sehr starke Verbundenheit auf. Aber auch ein paar Wochen können reichen, um sich tief verbunden zu fühlen mit dem Rest der Gruppe. Für das aller erste Gruppenjournal war damals kein Treffen geplant und nur ein Zeitraum über drei Wochen. Als sich das Experiment damals zu Ende neigte, wollte keine von uns so richtig aufhören. Die Gruppe gibt es heute noch und auch ein Treffen haben wir organisiert. Die Frauen, die damals zu mir kamen, um gemeinsam Notizbücher zu binden, waren allerdings bereits viel eher Freundinnen als Fremde. Sie kannten die Themen und Geschichten deren anderen und es war ein sehr vertrauter Umgang.

Sich selbst wiedererkennen

Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass wir niemals für uns selber schreiben, sondern immer für andere. Ich weiß leider nicht mehr, wo ich das gelesen habe. Am Anfang wollte ich das nicht wahr haben, denn ich war mir sicher, dass ich meine Journals für mich selbst schrieb. Es stieß sogar auf Ablehnung bei mir, denn ich war der festen Überzeugung, dass ich mich verstelle und nicht absolut ehrlich und authentisch schreibe, wenn ich meine Texte teilen würde. Das Leben hat mich eines besseren belehrt. Erstens gibt es Menschen, mit denen wir sehr wohl absolut ehrlich und offen teilen können, was uns bewegt. Und zweites stimmt es, dass wir niemals alleine für uns schreiben, denn im Leben geht es darum unser Wissen und unsere Erfahrungen zu teilen. Wir können oft unglaublich viele Erkenntnisse, Gedanken und Ideen aus den Texten anderer mitnehmen. Auch wenn es hin und wieder ganz andere sind als die des Autors selbst. Der Grund ist, dass wir uns selbst in ihren Texten erkennen können.

Inspiration

Vielleicht kennst du das, das du ab und zu so vertief in deinen Alltag bist, dass du gar nicht mehr merkst, was alles wunderbares passiert, wie weit du schon gekommen bist auf deinem Weg oder wie dankbar du sein darfst. Da jeder Mensch in einem Gruppenjournal an einem ganz anderen Punkt im Leben steht, seinen eigenen Weg geht und vollkommen unterschiedliche Ziele verfolgt, ist es immer wieder inspirierend und unglaublich erfrischend, andere Perspektiven oder Sichtweisen mitzubekommen. Manchmal erinnert man sich, dass man an genau dem gleichen Punkt bereits irgendwann mal stand. Manchmal sieht man in den Worten des anderen ein Bild, wo man gerne noch hin möchte. Manchmal wird einem auch einfach nur wieder bewusst, wie unendliche viele Möglichkeiten es im Leben gibt.

Wie du selbst ein Gruppenjournal startest

Falls du nun selbst Lust bekommen hast, das Experiment Gruppenjournal zu starten, kann ich dich nur darin bestärken, es zu tun!

Ich habe hier einen kurzen Fahrplan zusammen gestellt, wie du dazu vorgehen kannst. Nimm diese Punkte einfach als Anregung, du kannst natürlich auch alles ganz anders machen, wenn sich das für dich stimmiger anfühlt. Aber diese Schritte haben sich für mich in der Vergangenheit in Gruppenjournals bewährt.

Fahrplan für ein Gruppenjournal
  1. Überlege dir, was das Thema der Gruppe sein soll.
  2. Suche dir Menschen, mit denen du dir das Gruppenjournal vorstellen kannst und die auch ein Interesse an deinem Thema haben. Wie du bereits gelesen hast, ist es nicht zwingend erforderlich, dass diese Menschen sich alle kennen.
  3. Stellt Regeln auf für den Ablauf:
      • Wann schreibt ihr?
      • Über welches Medium kommuniziert ihr miteinander?
      • Wie häufig schreibt ihr?
      • Gibt es Joker? Tage, an denen man aussetzen darf?
      • Was sind Tabus?
      • Gibt es einen festgelegten Zeitraum für das ganze?
  4. Es hat sich bewährt alle Rahmenbedingungen in einem kurzen PDF, einer Nachricht oder wo auch immer schriftlich für alle zugänglich festzuhalten.
  5. Falls du Menschen in dein Gruppenjournal einladen möchtest, die zuvor noch nicht gejournalt haben oder dem Thema Gruppenjournal skeptisch gegenüber stehen, lohnt es sich Argumente  dafür zusammenzuschreiben und auch diese zu verteilen.

In meinen Dankbarkeitsgruppen gab es stets die Regel, dass jeder pro Tag eine Nachricht schickt. Es waren keine anderen Nachrichten oder Zwischenrufe in der Gruppe erlaubt. Die Nachricht war in zwei Teile geteilt. Der erste und verpflichtende Teil, war die eigene Dankbarkeit. Der zweite Teil war optional und die Möglichkeit auf die Nachrichten der anderen mit einem Feedback zu reagieren.

Ich habe vor jeder Gruppe ein PDF erstellt, in dem ich alles rund um die Gruppe, ein paar Hilfestellungen zum Schreiben und die Intension des Projekts dargestellt habe. So wussten alle, worauf sie sich einlassen und wie die Spielregeln sind.

Andreas Erfahrungen aus dem Gruppenjournal zur Dankbarkeit

Andrea, eine der Teilnehmerinnen aus meinem ersten und zweiten Gruppenjournal zur Dankbarkeit, hat ihre wertvollen Erfahrungen daraus in einem kurzen Interview verraten.

Liebe Andrea, Wie war deine Einstellung vor der Gruppe zur Dankbarkeit oder zu einem Dankbarkeitsjournal?

„Meine Einstellung vor der Dankbarkeitsgruppe war positiv. Ich war aufgeregt und habe mich gefreut. Ein bisschen Angst war auch dabei, Privates vor Fremden preiszugeben, aber irgendwie hatte ich ein gutes Gefühl bei der Sache und schon gespürt, dass diese Gruppe uns zusammenschweißen wird.“

Was hat sich durch die drei Wochen verändert? Was hast du für dich mitgenommen?

„Für mich hat sich verändert, dass ich jetzt regelmäßig meine Dankbarkeit aufschreibe und mich sogar freue, diese mit anderen zu teilen. Dies gibt mir ein gutes Gefühl und lässt mich reflektierter leben. Zudem bin ich auch sehr interessiert und mitfühlend den anderen gegenüber und freue mich, alles von ihnen zu lesen.“

Was war deine größte Erkenntnisse aus dieser Zeit?

„ Meine größte Erkenntnis ist, dass es schön ist, sich zu öffnen und ganz ehrlich zu sich selbst und anderen zu sein und Vertrauen zu haben.“

Wie würdest du deine Beziehung zu den anderen Teilnehmerinnen beschreiben? Wie hat sich die Gruppe im Laufe der Zeit verändert?

„Die Beziehung zu den anderen ist immer tiefer geworden. Von Anfang an war eine gewisse Gruppendynamik zu spüren, die immer stärker wurde und mittlerweile fühlt es sich an, als ob wir alle Freunde sind.“

Was war deine schönste Erfahrung durch das Gruppenjournal zur Dankbarkeit?

„Schöne Erfahrungen waren für mich, wie wir alle den Spieß umdrehen konnten und aus eigentlich „schlechten“ Dingen positive machen konnten und auch in den dunkelsten Zeiten noch Raum für Dankbarkeit war.“

Was ist deine Empfehlung für alle, die sowas auch gerne mal machen/organisieren würden?

„Meine Empfehlung ist, Personen zu suchen, von denen man denkt, dass sie gut zusammen passen – ähnliche Lebenssituation, Interesse für Spiritualität etc., ca. gleiches Alter oder dieselbe Generation. Dass man eine Vertrauensbasis aufbaut, eine kurze Einleitung schreibt und dann die Leute einfach schreiben lässt. Der Rest passiert von ganz allein, entweder es passt oder nicht.“

Irgendwas, was du noch dazu sagen willst?

„Vielen Dank liebe Katharina noch mal für die tolle Gruppe!!! Ich hoffe, das ermuntert mehrere dazu so etwas zu machen.“

Danke liebe Andrea!

Hier gibt es ein ausführliches Interview mit der lieben Mira zu dem Thema Dankbarkeit, Tod und Gruppenjournal!

Falls du gerne mehr über das Journalen erfahren möchtest, schau doch mal auf meinen Blogbeiträge zum Thema intuitiven Schreiben, Journal-Routine oder zum Mond-Zyklus-Journal vorbei.