Im Interview mit der lieben Mira erfährst du, warum es wunderschön sein kann mit anderen Menschen gemeinsam zu journalen und wie regelmäßige Dankbarkeit den Blick auf den Verlust eines geliebten Menschen verändern kann.

Mira war eine Teilnehmerin in meinem aller ersten Gruppenjournal zur Dankbarkeit. Die Gruppe ging insgesamt drei Wochen. An jedem Tag hat jede Teilnehmerin eine einzige Nachricht zu ihrer Dankbarkeit in der Gruppe geteilt. Was daraus entstanden ist, wie Mira das erlebt hat und was sie daraus mitgenommen hat, erfährt du im Interview.

Liebe Mira, wie war deine Einstellung vor der Gruppe zur Dankbarkeit oder zu einem Dankbarkeitsjournal?

Genau ein Jahr vorher bin ich schonmal in den Kontakt mit dem Dankbarkeit aufschreiben gekommen. Das war auch durch dich. Zu dem Zeitpunkt ging es mir psychisch nicht besonders gut, da mich einiges, vor allem aber meine Situation in der Arbeit, beschäftigt hat. Als du mir dann von deinem Vorhaben – ein Gruppenjournal zu Dankbarkeit – so euphorisch erzählt hast, war ich auch gleich begeistert.

Ich habe das Buch wieder rausgeholt, in das ich schon vor einem Jahr geschrieben habe. Ich habe es aufgeschlagen und war erschrocken, wie wenig ich jedes Mal rein geschrieben habe und auch, wie schnell ich wieder aufgegeben habe – nach nichtmal zwei Wochen. Ich fand es schön, dass wir nun drei Wochen lang schreiben sollten und auch nur drei Tage „frei“ hatten nicht rein zu schreiben. Mir hat auch der Gedanke sehr gut gefallen, meine Dankbarkeit zu teilen und die anderer zu lesen.“

Was hat sich durch die drei Wochen verändert? Was hast du für dich mitgenommen?

„Über die drei Wochen habe ich viel gelernt. Viel auch über mich selbst. Wie viel Dankbarkeit in mir steckt. Sodass ich manchmal spazieren war, bei jedem Schritt nur noch an Dinge denken konnte, für die ich dankbar war, sodass es mich fast schone in bisschen genervt hat 😉

Andererseits habe ich dadurch auch gemerkt, wie viel mehr Aufmerksamkeit ich den Blümchen am Wegesrand schenke und wie positiv das Leben doch ist.

Es war für mich erstaunlich, wie viel Ballast jede einzelne mit sich herumträgt. Ballast, den ich nicht erwartet hätte. Von dem ich vielleicht auch gar nicht erfahren hätte, wenn ich diese Menschen anders kennen gelernt hätte. Und wahrscheinlich wäre ich auch gar nicht auf die Idee gekommen, dass er da sein könnte.

Für mich war es spannend viel mehr aus deinem Leben mitzubekommen, vor allem auch Dinge, über die wir so vielleicht gar nicht so geredet hätten. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass man sonst in keinem so intensiven Austausch steht.

Ich habe gelernt, wie viel Dankbarkeit in mir steckt, wie viel ich davon auch spüren kann. Am Anfang habe ich keine halbe Seite gefüllt und plötzlich gab es einen Tag, an dem ich fünf Seiten gefüllt habe – an einem traurigen Tag. Das war der Todestag meiner Großmama.

Das Dankbarkeits-Projekt hat mir gezeigt, wie froh ich bin, wie mein Leben läuft und wie gut es mir auf psychischer Ebene wieder geht, dass ich glücklich bin, wieder bei mir angekommen und befreit zu sein.

Was war deine größte Erkenntnisse aus dieser Zeit?

Ich denke in dieser Zeit hatte ich mehrere große Erkenntnisse. Ein Beispiel: Die Firma, in der ich meine Ausbildung gemacht habe, hat mich nicht übernommen. Und das war im Nachhinein einfach das Beste, was mir passieren konnte. Diese Erkenntnis hatte ich glaube ich vorher auch schon, das Dankbarkeitsjournal hat mir das aber nochmal verdeutlicht.

Eine andere Erkenntnis war es, ein Verständnis für andere Menschen zu entwickeln. Einfach dadurch, dass ich einen ganz anderen Einblick auf manche Dinge hatte.

Und für mich selber war mit das schönste Erlebnis, dass wir unsere Dankbarkeit genau in den drei Wochen geteilt haben, in denen es meiner Großmama zunehmend schlechter ging und sie auch schließlich noch in der Zeit ihre Ruhe im Tod gefunden hat. Ich bin mir absolut sicher, dass es mir sehr geholfen hat, genau in dieser Zeit so dankbar zu sein. Ich habe dadurch so vieles verarbeitet und die positiven Seiten beleuchtet, dass ich vor allem große Liebe und Dankbarkeit dafür spüre, sie als Großmama gehabt und gekannt zu haben. Ich habe mich gefreut in dieser Zeit mehr über sie zu erfahren und einfach akzeptiert, dass es so ist, wie es ist.“

Wie würdest du deine Beziehung zu den anderen Teilnehmerinnen beschreiben? Wie hat sich die Gruppe im Laufe der Zeit verändert?

Ich habe die anderen Frauen mit der Zeit besser kennen gelernt und das auf so eine neue und schöne Art und Weise. Es war total spannend manche Dinge über sie herauszufinden, zu spekulieren, ohne im direkten Gespräch miteinander zu stehen. Mir zu überlegen, ob ich es wohl irgendwann herausfinden werde in einer der zukünftigen Nachrichten. (Und das konnten auch so banale Dinge wie der Beruf sein, den man einfach nicht kennt)

Ich fand es irgendwie spannend die Teilnehmer nicht zu kennen und herausfinden zu können, was das für Menschen sind. Als wir uns dann tatsächlich kennen gelernt haben, war das für mich auch sehr schön, einen Menschen in seiner Mimik, Gestik und Lebensform kennen zu lernen und bereits ein Bild zu dem inneren Gefühlsleben zu haben. Ganz außergewöhnlich und schön.

Manchmal war es sogar so, dass ich „neidisch“ war, nicht mit ihnen befreundet zu sein oder sie noch auf andere Weise zu kennen. Ich habe mir manchmal gewünscht, sie als Freundinnen zu haben und für sie da sein zu können.“

Was war deine schönste Erfahrung durch das gruppenjournal zur Dankbarkeit?

„Mir ist aufgefallen, dass ich sehr gerne meine Dankbarkeit teile, sie manchmal am liebsten herausschreien möchte. Ich habe angefangen meiner Mama meine Journal-Einträge vorzulesen und sie auch meinem Freund zu schicken, da er so viel mehr von mir mitbekommt, was ich am Telefon vielleicht gar nicht unbedingt erzählen würde. Für mich ist es sehr schön zu wissen, dass er dann trotz der Fernbeziehung so viel positives von mir miterlebt.

Das Schöne ist, dass man durch die Nachrichten der Gruppe auch immer wieder an die Dankbarkeit erinnert wird. Das inspiriert dazu, selbst immer wieder dankbar zu sein!

Die Dankbarkeit gibt uns allen so viel, dass wir nicht damit aufhören wollten. Die Gruppe besteht jetzt nach drei Monaten immer noch in einem lockeren Rahmen und regelmäßig gibt es Dankbarkeit in der Gruppe zu lesen. Mir gibt diese Routine und die Gruppe unglaublich viel, ich möchte es nicht mehr missen, mir das positive vor Augen zu führen und bin sehr froh darüber, dass wir auch weiterhin die Dankbarkeit teilen, auch wenn man vielleicht nur noch ein oder zweimal die Woche schreibt.“

Wie hat sich deine Dankbarkeits-Praxis nach den drei Wochen weiterentwickelt?

„Ich stelle für mich fest, dass ich zwar nicht mehr an jedem einzelnen Tag meine Dankbarkeit aufschreibe, dafür aber dann auch die letzten Tage reflektierte und mit aufnehme.

Das unglaublich schöne an der Dankbarkeit finde ich, dass vor allem auch die positiven Erinnerungen festgehalten sind und man später in dem Dankbarkeitsjournalen blättern kann und ein Lächeln auf dem Gesicht erscheint, weil man sich an die positiven Dinge erinnert.

Inzwischen verspüre ich so viel Dankbarkeit, dass sie mir überall begegnet und ich von viel mehr Seiten davon höre. Ich bin so dankbar – den ganzen Tag über – dass mir häufig am Abend schon gar nicht mehr alles einfällt, oder ich meinen Dankbarkeitstext abgeschlossen habe und danach feststelle, dass ich manches vergessen habe. Mir bringt es unglaublich viel für mich, meine Stimmung und so vieles mehr.“

Was ist deine Empfehlung für alle, die sowas auch gerne mal machen/organisieren würden?

„Für andere würde ich auch empfehlen am Anfang einen strengeren Rahmen zu haben, wie bei uns. So dass man im Schnitt pro Woche einen Joker hat, also einen Tag, an dem man die Dankbarkeit nicht aufschreiben „muss“. Mich selber hat das schon immer wieder angetrieben zu schreiben. Der einzige Tag, an dem ich nicht geschrieben habe, war der letzte Tag der drei Wochen. Ich habe erst hinterher gemerkt, dass es der letzt Tag war und war dann richtig traurig, dass ich nichts aufgeschrieben habe.

Und das obwohl ich an dem Tag einfach nicht konnte. Ich war sehr kaputt, da wir die Beerdigung planen mussten, ich aber wegen Fieber und Co ins Bett gehört hätte und ich dann keine Kraft mehr hatte.

Mein Tipp: unbedingt ausprobieren und auf jeden Fall mit mindestens drei Wochen starten. Mir selber hat es sehr gut getan mit der Hand zu schreiben und nicht direkt ins Handy zu tippen – auch weil ich es so viel schöner finde die Erinnerung in einem schönen Buch zu haben.

Noch ein kleiner Tipp, der aber bitte nicht davor abschrecken soll, überhaupt anzufangen. Man sollte sich dafür wirklich auch ein bisschen Zeit einplanen. Ich schreibe meistens abends bevor ich ins Bett gehe und manchmal möchte ich dann gleich das Licht ausmachen – schreibe aber dann doch noch eine Dreiviertelstunde.“

Gibt es noch etwas, was du gerne noch sagen willst?

„Ich bin sehr froh, dass ich mitmachen und diese tiefe Dankbarkeit für mich kennen lernen durfte. Ich habe immer wieder davon erzählt und meine Mutter hat mir gestern gesagt, dass sie jetzt auch ein Dankbarkeitsjournal anfangen will.

Und (Kathar)Ina, dir möchte ich an dieser Stelle nochmal ein riesiges Danke aussprechen, weil du mich eingeladen hast mitzumachen und mir eine so schöne Seite des Lebens gezeigt hast. Plötzlich gehe ich mit so viel Aufmerksamkeit durch die Welt, erfreue mich an Kleinigkeiten und das Wort Danke hat eine noch viel schönere Bedeutung bekommen!

Danke, dass du diesen Weg gehst und ich dabei sein darf!

 

Ich danke dir liebe Mira, für deinen Mut, dein Vertrauen und die Bereitschaft für dieses Experiment!

 

 

Hast du Lust selbst ein Gruppenjournal zu starten? Mach’s! Ich kann dich nur dazu ermutigen!

Oder es interessiert dich, wie du selbst eine Journal-Routine aufbaust? Du kannst hier und jetzt damit anfangen!